Ein Schnitt und seine Kleider · Schneiderei

Spreewaldhochzeit im langen Blütenkleid

Einige Menschen schreiben Tagebücher – ich habe meinen Kleiderschrank. In vielen meiner Beiträge hier erzähle ich von schönen Erinnerungen, die mit meinen selbstgeschneiderten Kleidern untrennbar verbunden sind. Dieses Erinnern anhand von Kleidungsstücken ist ein Nebeneffekt des Schneiderns, den ich nicht erahnt habe, als ich damit begann, mir meine eigenen Sachen zu nähen. Aber was mache ich mit Kleidern, mit denen ich nicht nur schöne, sondern gemischte, manchmal auch schlimme Momente verbinde? Aktuell verstecke ich diese Stücke im Schrank – erst einmal raus aus dem Blickfeld. Nach ein paar Monaten Abstand wandern einige in eine Kiste, bereit zum Aussortieren (in der Hoffnung, den erinnerten Moment ebenfalls abzugeben). Andere kehren Stück für Stück in meinen Alltag zurück in der Hoffnung, sie mit weiteren, besseren Erlebnissen zu verbinden. Ich habe gerade ein paar Tage Urlaub und möchte die Zeit nutzen, ein besonderes Kleid vorzustellen, welches das letzte halbe Jahr in meinem Schrank verbrachte, aber nicht aussortiert wird. Ein Kleid, dass ich für die Hochzeit von sehr lieben Freunden genäht habe, und das nichts für die Sorgen kann, die uns zeitgleich überrollt haben.

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Ich hatte das Kleid im letzten Jahr Ende August – an einem Montag Abend – fertig genäht, recht pünktlich 5 Tage vor seinem Einsatz. Am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf unserer Kinderärztin, woraufhin wir mit unserem Sohn sofort in Krankenhaus fuhren und auf der Kinderstation der Hämatologie einzogen, da die Blutwerte unseres Zweijährigen alarmierend waren. Die Ängste, die mein Mann und ich in diesem Tagen erlebt haben, werde ich nie mehr vergessen. Mein Mann selbst hatte gerade eine Woche Pause seiner eigenen Behandlung, so dass wir alles gemeinsam durchstehen konnten. Am Freitag durften wir mit unserem Sohn das Krankenhaus wieder verlassen, mit einer ersten Beruhigung, aber noch keiner wirklichen Entwarnung. Gefühlt lagen für mich zwischen diesen wenigen Tagen Welten. Nach gemeinsamen Abwägen mit den Ärzten haben wir uns ganz bewusst dafür entschieden, zur Hochzeit in den Spreewald zu fahren und das Wochenende mit unseren Freunden zu verbringen. Und schon am Montag darauf erfuhren wir bei der nächsten Untersuchung Gott sei Dank, dass unser Kind nicht krank ist. Ich brauchte jedoch einige Monate und immer wieder gute Ergebnisse bei den anstehenden Kontrolluntersuchungen, bis ich es selbst wirklich glauben und aufatmen konnte. Die Angst um die Gesundheit meines Kindes neben den Sorgen um meinen Mann hat mich absolut überwältigt und nicht selten habe ich gedacht, dass ich gleich verrückt werde. Und so wie ich Zeit brauchte, um den Schrecken wieder bei Seite zu legen, musste ich das Kleid nach der Hochzeitsfeier für Monate im Schrank verstecken. Jetzt habe ich es wieder heraus geholt und möchte mich an die schönen Momente dieser Zeit erinnern.

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Die Hochzeit unserer Freunde im September war nach unserer eigenen und zwei weiteren schönen Feiern von Freunden und Nachbarn Hochzeit Nummer vier im vergangen Jahr. Einer der besten Freunde meines Mannes sagte „Ja“ zu seiner wunderschönen Braut, die selbst Maßschneidermeisterin mit einem ganz besonderen Gespür für Stil und tolle Kleider ist. Und so bezaubernd wie die beiden im selbstentworfenen Brautkleid und Hochzeitsanzug aussahen, genäht von Freundinnen der Braut, wie sie während ihrer Ausbildung kennenlernte, war auch die Feier in einem Schloss und Park im Herzen des Spreewaldes etwas ganz Besonderes: eine spannende Mischung aus traditionell, modern, schick und entspannt. Schon Monate vorher hatten wir Gäste großen Spaß daran zu überlegen, was wir selbst tragen würden, um annähernd mit dem schönen Paar mithalten zu können. So kaufte sich mein Mann als Trauzeuge seines Freundes einen neuen Anzug. Nebenbei bemerkt: unsere eigene Hochzeit sahen wir nicht zwingend als Anlass, einen neuen Anzug zu kaufen (: Und ich saß gemeinsam mit einer sehr guten Freundin seit Beginn des Sommers regelmäßig abends an der Nähmaschine, um uns jeweils ein Kleid für das Fest zu nähen.

Bei einem Besuch im Karstadt hatte ich Glück und fand einen wundervollen Crèpe, schwarzgrundig und mit Rosen darauf. Ich hatte sofort ein Bild von einem langen Kleid im Kopf, eher im Stil der 30er bis 40er Jahre, mit einer schmalen Taille, einem lockeren Oberteil und einem langen, nicht zu weiten Rock. Um den Rosenaufdruck auf dem Stoff nicht zu stören, sollte es gleichzeitig nicht zu viele Teilungsnähte haben. Da ich kein passendes Schnittmuster fand, entschied ich mich, zwei erprobte Schnitte zu einem Kleid zusammenzusetzen. Ich nutzte das Oberteil des „Basic Bodice“ samt kurzer Ärmel aus „Gerties Ultimate Dressbook“ von Gretchen Hirsch und ein Vintage-Einzelschnitt (8134) für einen A-Linien-Rock von Ullstein. 

Um das Oberteil luftiger und weiter in der Passform werden zu lassen, ließ ich die Brustabnäher weg, die im Vorderteil von unten nach oben verliefen. Statt dessen reihte ich die Weite auf Höhe meiner Taille ein. Die seitlichen Brustabnäher und die Abnäher im Rücken arbeitete ich wie im Schnitt vorgesehen. Den Bund des Rockes, der hoch in der Taille sitzt, nutzte ich als Passe an der schmalsten Stelle des Kleides. Um diesem Schnittteil etwas mehr Halt zu geben, verstärkte ich es mit Bügelfließ.

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Als Oberteil, Rock und Taillenband miteinander verbunden waren – erst einmal nur mit Heftstichen von Hand – machte ich eine Anprobe. Für ein Probemodel hatte ich zuvor leider keine Zeit und so arbeitete ich bis dahin mit einigem Herzklopfen an dem schönen Stoff. Doch schon beim ersten Anziehen war ich mit dem Ergebnis sehr glücklich. Ich entschied mich, die Schultern etwas schmaler und die Armausschnitte etwas zu größer zu machen, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Auch am Halsausschnitt nahm ich einen Zentimeter Stoff weg, da es sich für mich zu eng anfühlte. Abgesehen von diesen kleinen Änderungen war ich mit der Passform den Kleides sehr zufrieden. Die Änderung am Hals übertrug ich auf den Beleg, mit dem ich den Ausschnitt verstürzte. Eine weitere Anprobe mit eingesetzten Ärmeln – wieder erst einmal von Hand mit Heftstichen befestigt – zeigte, dass diese keine weitere Anpassung brauchten. Die kurzen Ärmelchen schnitt ich doppelt zu und verstürzte jeweils zwei miteinander für einen sauberen Saumabschluss. In doppelter Lage nähte ich sie in das Oberteil ein. Der Crèpe selbst nähte sich wunderbar – vor allem mit meiner damals noch ganz frischen Overlock, die den feinen Stoff gleichmäßiger transportierte, als meine herkömmliche Nähmaschine. Durch das Nähen mit der Overlock brauchte ich mir gleichzeitig keine Gedanke darum machen, wie ich das Innere des Kleides sauber arbeiten würde – die umnähten Nahtzugaben sahen schön und unauffällig aus.

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Um das Kleid zu verschließen entschied ich mich, wie im Schnitt des Oberteils vorgesehen, für einen Reißverschluss in der hinteren Mitte des Kleides. Aus Angst, den Stoff zu sehr zu strapazieren, wenn der Reißverschluss nicht gleich gut sitzt und ich auftrennen muss, nähte ich ihn von Hand ein. Ich ließ den Reißverschluss ganz bewusst knapp unterhalb der Schulterblätter enden, um einen schmalen Rückenausschnitt im eigentlich hoch geschlossen Oberteil unterbringen zu können. Oberhalb des Reißverschlusses und im Nacken nähte ich zum weiteren Verschließen Knöpfe und Schlaufen an. Zur Zierde befestigte ich weitere der Metallknöpfe, die ich mal in einem Urlaub in Österreich gekauft hatte, auf Höhe des Taillenbandes an der rückwertigen Mittelnaht.

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Den Saum umkettelte ich mit der Overlock – mit dem ganz normalen Versäuberungsstich, nachdem mir der Rollsaum nicht gut gelungen ist. Ich änderte lediglich das eingefädelte Garn von weiß auf schwarz, um es unauffälliger zu machen. Ich habe zum Kleid flache Schuhe getragen, da mir so die Länge am Besten gefiel. Und am Ende der Hochzeitsfeier, als wir zum Tanzen alle die Schuhe ausgezogen hatten, war ich ganz froh, dass es genau diese Länge hatte und keine hohen Schuhe brauchte.

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Ich erinnere mich noch, dass ich es genoss mit meinem Mann und unseren Freunden zu tanzen, auch wenn es gleichzeitig immer wieder in meinen Kopf aufblitzte, da mich die Sorgen der letzten Tage nicht losließen. Unser Sohnemann schlief während dessen vom vielen Spielen und Toben mit anderen Kindern ganz platt und glücklich auf dem Sofa im Zimmer nebenan … wahrscheinlich froh, endlich mal nicht ständig von seiner Mama genauestens beobachtet zu werden. Mein Mann und ich hatten uns nach den Herausforderungen des Jahres sehr gewünscht, diesen Tag ganz gelöst feiern zu können – das gelang uns nicht, auch wenn wir gleichzeitig viele schöne Stunden an diesem Wochenende hatten.

Momentan hängt das Kleid auf meiner Schneiderpuppe und ich sehe es gern an. Die Erinnerungen an die schöne Feier stehen ganz einfach neben den Sorgen, die uns damals beschäftigten. Es war ein wirklich wunderbares Fest in so wunderschöner Spreewaldkulisse. Und ich bin sehr froh, dass wir ausgerechnet diese verrückte Zeit mit unseren Freunden verbringen durften, die uns permanent unterstützen, ablenken und stärken, wann immer wir es als Familie brauchen. Neben allen furchtbaren Momenten, die das Jahr 2016 für uns brachte, war es auch das Jahr, in dem wir immer wieder Anlass hatten, mit unseren Freunden und ganz viel Liebe zu feiern! Daran erinnert mich mein Kleid eben auch.

Liebe Grüße, K*

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5 Kommentare zu „Spreewaldhochzeit im langen Blütenkleid

  1. Was für ein wunderbares Kleid. Ich wünsche mir, dass es dich v.a. immer wieder daran erinnert, dass es ein Happy End für die drohende Krankheit deines Sohnes gab – Entwarnung, alles gut, überstanden – und dass, was einmal so ausgeht auch nochmals so gut ausgehen möge.
    Gottes Segen euch für alle Herausforderungen des Alltags und die, die eben nicht alltäglich sind, und die, die es vielleicht leider mittlerweile schon geworden sind.

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