Himmel * und Zwirn · Strickerei

„Made So Quickly“ und grün ist die Hoffnung

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Seit meinem letzten Blogbeitrag Ende Dezember ist einige Zeit vergangen. Gleich zu Beginn unseres neuen Jahres überraschte uns die Nachricht, dass wir unsere gewünschten, erhofften, herbeigesehnten Pläne für die kommenden Wochen und Monate erst einmal nicht weiter verfolgen können. Anstelle einer mehrwöchigen Rehabilitation für meinen Mann und Familienurlaub für uns alle drei stand plötzlich eine erneute Therapie auf dem Programm. Erneut wächst etwas im Körper meines Mannes, was da nicht sein sollte und eine sofortige Behandlung braucht. Klein, aber es ist da und gefährlich. Obwohl wir seit zwei Jahren permanent alarmiert sind, hat uns dieses Ergebnis der zurückliegenden großen Untersuchung ganz unerwartet getroffen – fühlt sich mein Mann doch so gut und stark wie seit zwei Jahren nicht mehr. Zu Ende 2016 hatte es sich für uns beide schon beinahe so angefühlt, als führen wir fast schon wieder ein ganz „normales“ Leben.

Erstaunlich schnell haben wir dann in unseren Alltag zurückgefunden, von dem wir schon seit Monaten hoffen, dass er ein Ausnahmezustand bleibt. Egal wie müde wir sind, wie traurig und wie dünn unsere Nerven, als Mensch scheint man sich an alles gewöhnen zu können. Gleichzeitig geben wir die Hoffnung nicht auf und wollen weiter und weiter dafür kämpfen, alles zu überstehen. Es gibt ein paar Dinge, die uns dabei viel Kraft geben. Mit unserem kleinen Sohn haben wir uns zu dritt für einige Tage ganz in unserer Familienhöhle zusammengerollt, gespielt, gekuschelt, gemeinsam Wintersport geguckt, geschlafen – ganz egal, wie früh oder spät es war, Hauptsache uns war danach. Immer wieder haben uns liebe Freunde besucht und eingeladen und ohne viele Worte mit ihrem Mit-uns-Sein so sehr für Unterstützung und Ablenkung gesorgt. Und zumindest ich kann mich auf Arbeit auch einmal mit ganz anderen Themen befassen und unsere Sorgen für einige kurze Momente in den Hintergrund rücken lassen – auch wenn es gleichzeitig sehr anstrengend ist, den Tag zu schaffen. Meinem Mann fehlt das sehr, arbeiten zu gehen. Er hatte sich schon so sehr darauf gefreut, wieder in seinen Job zurückkehren zu kennen. Gemeinsam suchen wir viel Zerstreuung, in dem wir abends zusammen auf der Couch sitzen, unendlich viele Serien schauen und stricken – beide! (: Ab und zu nehme ich mir sogar Zeit zum Nähen und habe die wunderbar beruhigende, ablenkende und inspirierende Wirkung von Podcasts für mich entdeckt, die sich mit dem Stricken und Schneidern beschäftigen. Mein kleiner Sohn hat das mittlerweile „Nähradio“ getauft.

In den vergangenen Wochen begleiteten mich auf meinen Stricknadeln unter anderem neue Socken für meinen Mann und ein Pullover samt Mütze für unseren Sohn.

Als wir vor zwei Jahren erfahren haben, dass mein Mann gegen eine Erkrankung kämpfen muss, habe ich mich in den folgenden Monaten kaum getraut, schon gar nicht die Muße und den Sinn dafür gehabt, mich mit so etwas Schönem wie dem Handwerken zu beschäftigen. Als vor einem Jahr klar war, dass es nach dem ersten großen Eingriff eine weiterführende Behandlung braucht, war mir nach kurzer Zeit bereits wichtig, mit dem Nähen und Stricken nicht wieder ganz aufzuhören, sondern bewusst für eine Pause zu sorgen, in dem ich mich mit Stoffen, Garnen, Näh- und Strickmustern beschäftige. Seit einem Monat ist es nun fast wie ein kleiner Rettungsanker für mich, meine Hände arbeiten zu lassen. Ich genieße es, die schönen Materialien in den Händen zu halten und daraus mir wertvolle Dinge für meine Lieben und mich herzustellen. Für ein paar Stunden wird es dann ganz ruhig in meinem Kopf.

Der Fortschritt des „Made So Quickly“-Cardigans von Januar 2015 bis Januar 2016.

In den vergangen zwei Jahren ist dabei ein Kleidungsstück entstanden, dass mich wie kein anderes an unseren Weg mit allen Sorgen wie auch schönen Momenten erinnert. Ich habe so viele Monate gebraucht, um den „Made So Quickly“-Sweater aus dem Buch „A Stich In Time“ von Susan Crawford & Jane Waller fertig zu stellen, dass mich das Projekt unfreiwillig durch jegliche Höhen und Tiefen der vergangen zwei Jahre begleitet hat. Am Ende ist der Pullover – oder viel mehr die Jacke, die ich daraus gemacht habe – alles andere als perfekt geworden, aber mittlerweile liebe ich sie.

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Begonnen habe ich die Kurzarmjacke aus Drops Cottenmerino in grün im Rahmen des Frühlingsjacken-KnitAlongs auf dem Blog des Me Made Mittwoch zu Beginn des Jahres 2015. Nachdem die Maschenprobe die richtigen Maße ergab, kam ich dank des einfachen und gleichzeitig abwechslungsreichen Strickmusters schnell voran. Binnen kurzer Zeit hatte ich das Rücken- und ein Vorderteil gestrickt. Dann lag mein Strickprojekt für mehrere Monate unberührt in seinem Korb, da mir alles andere als nach stricken zu Mute war. Im Spätherbst nahm ich die Jacke wieder zur Hand. Auf Grund der guten Anleitung fand ich sehr schnell in das Strickmuster zurück. Es war nur etwas ungemütlich, zur kältesten Jahreszeit mit einem Garn zu stricken, dass so viel Baumwolle enthält. Das zweite Vorderteil und ein Ärmel waren geschafft, als ich dann mit der erneuten Diagnose auch erneut eine Pause einlegte – nur diesmal für kürzere Zeit. Als wir uns in unserem neuen Alltag ganz gut zurecht fanden, nahm ich die Jacke wieder zur Hand, brauchte für den zweiten Ärmel und vor allem die endgültige Fertigstellung dann aber doch noch einmal fast sechs Monate. Für einige Zeit überlegte ich sogar, die Jacke wieder komplett aufzutrennen, denn trotz funktionierender Maschenprobe ist sie am Ende leider viel zu groß geworden. Überall. Das passierte mir leider nicht zum ersten Mal beim Stricken mit Baumwollgarn. Am Ende scheint das Gewicht des Garnes die Stricksachen so sehr auszudehnen, wie ich es vorher immer wieder nicht vermute. Schlussendlich brachte ich es aber nicht übers Herz, all die Arbeit wieder aufzuribbeln und entschied mich, die Jacke an den Seiten-, Arm- und Schulternähten einige Zentimeter von Hand enger zu fassen.

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Noch immer ist die Jacke sehr sehr groß. Sollte ich überhaupt noch einmal mit einem Baumwollgarn etwas für mich stricken, werde ich es mutig gleich mit einer bedeuten kleineren Größe versuchen, als die Maßtabelle eigentlich sagt. Ich stricke generell nicht sehr fest, so sehr ich mich auch darum bemühe. Und bei Baumwollgarnen kommt das wohl im wahrsten Sonne des Wortes schwerer zu tragen.

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Weshalb ich die Jacke dennoch so sehr liebe, hat vor allem mit der Geschichte zum Strickmuster zu tun. „Made So Quickly“ ist das erste Projekt, dass ich aus dem Buch „A Stich In Time“ gestrickt habe. Auf das Buch aufmerksam geworden bin ich, als ich angefangen habe, die Blogs anderer KleidermacherInnen zu lesen. Meine damalige Suche nach dem Buch ergab, das es gerade nicht aufgelegt wurde und ausverkauft war. Wenige gebrauchte Stücke konnte man nur für sehr sehr viel Geld kaufen. Darüber jammerte ich einen Abend lang vor meinem Mann und schob dann den Wunsch, mir dieses Buch anzuschaffen, beiseite. Zum nächsten Weihnachtsfest überraschte mich mein Mann dann damit, mir dieses Buch zu schenken – vorerst jedoch in Form eines Briefes, in dem ihm von Susan Crawford bestätigt wurde, dass sein Vorauszahlung eingegangen sei und sie sich bei ihm und weiteren Interessierten für die Unterstützung bedankte, mit der sie das Buch erneut auflegen lassen wollte. Sobald eine ausreichende Anzahl an Käufern erreicht sei, würde das Buch neu gedruckt und umgehend verschickt werden. Dazu kam es dann eineinhalb Jahre später. Zwischendurch zweifelten wir immer wieder daran, das Buch jemals in die Hand zu bekommen. Wir erhielten ab und zu Mails, wie weit der Prozess vorangegangen sei, aber dazu gehörten auch Fehldrucke und andere Schwierigkeiten, die für die Autorinnen sicher noch viel aufreibender waren als für uns. Ganz überraschend übergab mir dann ein Postbote im Sommer 2014 ein Päckchen, obwohl wir gar nichts erwarteten. Auf dem dicken Briefumschlag war ein Logo gestempelt, dass es dann im meinem Kopf klingeln ließ.

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Ich finde das Buch und so viele der Strickanleitungen darin so wunderschön. Und zu etwas ganz Besonderen wurde es für mich, da nicht nur eine Widmung von Susan Crawford enthalten ist, sondern mein Mann zusammen mit den anderen mutigen Vorauskäufer namentlich im Buch aufgeführt wurde.

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Nun trage ich die Jacke viel häufiger, als ich kurz nach der Fertigstellung vermutet habe – bisher zusammen mit einem schlichten schwarzen Rock und einem Trägertop darunter. Ich möchte noch einmal ausprobieren, wie sie über einem Sommerkleid, vielleicht mit einem schalem Gürtel darüber aussieht. In den vergangen Tagen ließ das Wetter bei uns schon fast etwas Frühlingsstimmung aufkommen. Ich bin kein Sommermensch und komme auch mit Winterkälte und nass-kalt-trüben Wetter bestens zurecht – aber gerade ist es ganz schön, die ersten wärmenden Sonnenstrahlen beim Fahrradfahren zu spüren. Noch etwas, was gerade Kraft gibt!

In diesem Sinne hoffe ich, euch geht es gut und wünsche euch einen schönen Start in das Wochenende! Viele Grüße, K*

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14 Kommentare zu „„Made So Quickly“ und grün ist die Hoffnung

  1. Ich wünsche für die kommende Zeit alles Gute, und vor allem viel Unterstützung aus dem echten realen sozialen Netzwerk… virtuell kann man außer Anteil nehmen wenig tun… Mögen die Behandlungen gut auszuhalten und vor allem erfolgreich sein und auch du selbst trotz alledem ein bisschen Zeit für dich haben.
    Das Handarbeiten ist auch für mich gut zum „abarbeiten“, und empfinde es umso schlimmer, wenn man dazu vor Arzt- und Therapieterminen kaum kommt – dann, wenn man es am nötigsten hätte.
    Deine grüne Jacke finde ich toll, und so ein bisschen Kuschelmehrweite ist manchmal ja auch gut. Eine tolle Geschichte mit dem Buch!
    LG frifris

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    1. Dankeschön! Und du hast vollkommen Recht. Im Blog kann ich einfach nur aussprechen und ein wenig sortieren, auch etwas fern ab unseres Alltags. Ähnlich wie du es auch mit dem Handarbeiten an sich beschreibst: „abarbeiten“ und wieder ein bischen Platz haben. Die Unterstützung ist gleichzeitig sehr wohltuend, Freunde und Familie in der realen Welt aber unbezahlbar! Ich wünsche dir alles Gute! Liebe Grüße, K*

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  2. Das Buch mag ich auch sehr gern. Schön, dass es wieder aufgelegt wurde! Und noch schöner, dass es dich durch die schwere Zeit begleitet. Ich wünsche euch ganz viel Kraft und nur das Beste!

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  3. Ist das toll mit dem Namen im Buch, das wusste ich noch gar nicht.
    Wir denken an euch
    K3 und der kleine perfekte Mensch (= der schönste Grund, warum die Stricknadeln viel ruhen)

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  4. Liebe K. – auch ich wünsche dir und deiner kleinen Familie alles Gute und viel Kraft für die kommenden Wochen. So wie du euer gemeinsames Leben beschreibst/andeutest, gibt es deinem Mann sicher viel Kraft und Zuversicht. Alles Beste euch!

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